Du kannst schon realistisch zeichnen. Und jetzt?
Wenn wir anfangen zu zeichnen, wollen die meisten von uns vor allem eines: dass es möglichst echt aussieht. Ein Löwe soll wie ein Löwe aussehen, das Porträt eines Freundes soll ihm wirklich ähnlich sehen und ein Apfel wie ein Apfel. Am besten so, dass jemand unsere Zeichnung anschaut und sagt: „Wow, das sieht ja aus wie ein Foto!“
Diese Phase habe ich auch durchgemacht. Und ich finde das völlig normal.
Am Anfang ist die Ähnlichkeit unser wichtigster Maßstab für Erfolg. Je genauer wir etwas wiedergeben können, desto zufriedener sind wir. Wir üben Proportionen, Licht und Schatten, Perspektive und lernen, genau hinzusehen. Und all das ist wichtig.
Aber ich wünsche jedem, der davon träumt, Künstler zu werden, irgendwann an den Punkt zu kommen, an dem ein realistisch gezeichneter Löwe oder das Porträt eines Freundes keine große Leistung mehr ist, sondern einfach eine Fähigkeit. Etwas, das man bereits beherrscht.
Denn genau dann kann etwas wirklich Interessantes beginnen.
Plötzlich wird aus der Frage „Kann ich das zeichnen?“ eine ganz andere: „Was möchte ich eigentlich zeichnen? Und warum gerade so?“
Und auf einmal stellt sich heraus, dass man nicht jedes einzelne Haar in der Mähne eines Löwen zeichnen muss. Man kann ihn vereinfachen, verzerren, blau malen oder die Hälfte der Details weglassen. Man kann aber auch beim Realismus bleiben, wenn man damit am besten ausdrücken kann, was man sagen möchte.
Entscheidend ist, dass es eine bewusste Entscheidung ist und nicht die Grenze der eigenen Fähigkeiten.
Und genau hier beginnt meiner Meinung nach der wirklich persönliche Weg eines Künstlers. Nicht dann, wenn wir keine Fehler mehr machen, sondern wenn wir aufhören, die Ähnlichkeit mit der Wirklichkeit als unser wichtigstes Ziel zu betrachten.
Denn die Fähigkeit, die Realität möglichst genau wiederzugeben, gibt uns Werkzeuge an die Hand. Aber erst das, was wir mit diesen Werkzeugen anfangen, beginnt etwas über uns zu erzählen.
Natürlich kann man auch bedeutungsvolle Kunst schaffen, ohne jemals realistisch zeichnen gelernt zu haben. Es gibt nicht den einen Weg, den alle gehen müssen. Ich erzähle einfach von dem Weg, den ich selbst gegangen bin.
Und wisst ihr was? Heute interessiert mich viel mehr, wie jemand die Welt sieht, als wie genau er sie kopieren kann.
Und euch? Was begeistert euch an Kunst mehr — das handwerkliche Können oder eine ganz eigene Sicht auf die Welt?


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